Wunderbare Flecken

Quelle: Herder Verlag, Zeitschrift Mobile 9.2004, Text: Eva Baumann-Lerch, Illustration: Josef Pretterer

Es soll ja mal eine Zelt gegeben haben, als in jedem Haus ein Spinnrad stand. Da wurde die Wolle frisch vom Schaf lns Haus geschafft, gewaschen, in unendlichen stillen Stunden zu Fäden gesponnen, gewickelt, verstrickt und verwebt, zusammengenäht und dann erst als Kleidung über den Körper gezogen.

In meiner Kindheit war es immerhin noch so, dass die Mutter die Schals und Pullover selber strickte und auf einer alten Nähmaschine unsere Kleider nähte.

Da haben wir es einfacher. Wir schnappen unsere Stöpsel, stellen uns mit ihnen auf die Rolltreppe und stiefeln in den Einkaufsmarkt, Abteilung ,,Young Fashion“ oder ,,Hits for Kids“. Und wem selbst das zu heftig ist, der blättert einfach im Versandhauskatalog.

Bequemer geht’s nimmer, dachte ich immer. Doch als ich in diesem Frühjahr den neuen Bestellwälzer in der Hand hielt – druckfrisch, vorne das bekannte Model und innen drin die allerneusten Trends -, da entdeckte ich, dass die Entwicklung der Menschheit auf dem Bekleidungssektor noch immer nicht am Ende ist. Auf den Kinderseiten, registrierte ich fassungslos, werden die Jeans jetzt nicht mehr nur in den Qualitäten ,,denim“ und ,,blue stone“ angeboten, sondern neuerdings auch mit den optischen Effekten ,,used“, ,,dirty used“ und ,,schlamm“.

Zuerst zweifelte ich an meinen Sprachkenntnissen.Aber dann war mir endgültig klar, dass wir es hier mit einer ultimativen Evolution zu tun haben: Unsere Kinder, so schrien mir diese umwerfenden Angebote entgegen, brauchen ihre Klamotten jetzt nicht einmal mehr selber abzunutzen! Wir können ihnen diese elende Arbeit ersparen und ihre Jeans bereits ,,used“, also abgenutzt, mit ,,Abrieb vorne“ ins Haus bestellen. Kein armes Kind muss seine Hosen jetzt noch selber dreckig machen. Da für gibt es schließlich ,,dirty denim“, wahlweise auch ,,dirty used“. Und das elende Geplansche in Sandkästen und Pfützen hat endlich auch ein Ende. Da bestellen wir jetzt lieber gleich die Jeans in der Ausführung ,,schlamm“.

Frisch und voller Glücksgefühl machte ich mich ans Ausfüllen der Bestellzettel. Doch dann fiel mir plötzlich ein, dass meine eigene Familie diese neueste Entwicklung in weiser Vorausahnung schon vorweggenommen hatte: Ich ging in den Keller, öffnete die alten Kartons mit den abgelegten Jeans meines Ältesten und breitete die Hosen nebeneinander aus. Liebevoll strich ich über den herrlichen Abrieb, die wunderbaren Flecken und die unverwaschbaren Matschspuren. Alles war wie lm Katalog: ,,used“, ,,dirty ‚ – used“ und ,,schlamm“.